Tilmann Moser

Albrecht Dürer: Hiob auf dem Misthaufen

1503-05, Städel, Frankfurt

Du törichter, alter Esel, du bist verbohrt, verbissen in deine Treue zu Gott, der dich längst hat fallen lassen. Dein selbstgerechter Wahn, den ich aus deinen Reden höre, dein verrückter Glaube, dass du noch in Gottes Hand bist, er bringt nicht nur dich ins Elend, sondern uns alle. Was bildest du dir ein, dass er dich ausgewählt hat, um dich zu prüfen. Warst du ihm nicht fromm genug? Musst du noch mehr beten, mehr Tiere opfern? Was ist das für ein Gott, der um dich zu prüfen, an den Rand der Vernichtung führt, und uns mir dir? Du bist größenwahnsinnig in deinem Trotz. Sollst du für ihn ein Beispiel werden? Hat er dich auserwählt als Zeugen seiner Macht? Wem will er dich vorführen? Hat er es nötig, mit dir anzugeben? Du, ein göttliches Beweisstück? Bist ausgerechnet du ein Weltexempel, für alle Zeiten, für alle Zweifler? Du Mahnmal Gottes, der seine Macht genießen will. Ich halte dich für leidenssüchtig, du kriechst im Staub und flehst ihn weiter an. Bist du noch der Mann, den ich geheiratet habe? Um wie viel wichtiger ist er dir als meine Liebe und nun unser Unglück? Dann straft er nicht nur dich, sondern nimmt uns als Geiseln. Denk an deine Kinder, an unser Gesinde, an alle, die von dir abhängen. Falls es ihn gibt, den wir gemeinsam angebetet haben: er ist nicht mehr der Gleiche, er hat sich in einen grausamen Gott verwandelt, und du willst ihn zurückverwandeln, ja ihn erpressen, dass er aufwacht aus seiner Bosheit. Denn er treibt es zu weit. So darf man keinen Menschen prüfen, wenn er nicht verrückt werden soll. Schon dein Vater hat dich grausam verprügelt, und du solltest ihn trotzdem lieben, ein Tyrann, wie er im Buche steht, und du hast ihm trotzdem aus der Hand gefressen. Das hat den Keim gelegt zu meinem Zweifel an deinem Charakter. Bist du ein höriger Mensch, habe ich mich gefragt, und dann wurdest du doch ein stolzer Mann, geachtet in der Welt, und fromm in einem angemessenen Maß, das ich mit dir teilen konnte. Jetzt ist aus meinem frühen Zweifel Verachtung geworden.

Hiob: Das ist das Schwerste, dass er mich auch durch dich straft. Ich weiß, dass du dich ekelst vor mir, deine verlorene Liebe verdunkelt mein Leben, mehr als das verlorene Vieh, ja alles was ich, was wir besitzen, besessen haben. Wen er so straft, der hat nach unserem Glauben schwer gesündigt. Du hast die Reden der Freunde gehört, wessen sie mich verdächtigen. Sie brauchen eine Erklärung für das Elend und nennen mich hochmütig, selbstgerecht, einen Sünder, der seine Verfehlungen nicht zugeben kann. Deshalb können sie weiter an die Gerechtigkeit Gottes glauben und vermissen bei mir Demut und Reue. Aber ich kann sie nicht liefern. Ich habe mich geprüft, stündlich und täglich. Gibt es denn heimliche Verbrechen, von denen man nichts weiß?

Frau: Hast du es mit einer Magd getrieben, im hochmütigen Glauben, dass dir das zusteht, als mächtigem Herrn über alle, die hier leben, und deren Herr du bist? Hast du den Frevel der Unzucht zu leicht genommen, dich darüber erhoben? Dich wie ein heidnischer Scheich verhalten, dem Vielweiberei ein Ehrentitel ist? Auch wenn du keine geschwängert hast, aber diese grobe Untat hätte sich ja nicht verbergen lassen, hast du begehrlich auf eine geblickt und bist also auch mir im Herzen untreu geworden? Oder warst du grausam gegen einen faulen Knecht und hast auch da gedacht, dass dir das recht strenger Züchtigung zusteht? Deine Freunde, die dich zur Aufrichtigkeit ermahnten, sind gesetzeskundig, sie wissen, dass Gott streng, aber gerecht ist. Sie wissen, dass es auch Sünden des Geistes gibt, hast du über solche auch genügend nachgedacht? Wenn wir Streit hatten, warst du auch oft ziemlich selbstgerecht, ja rechthaberisch, selbstherrlich, was habe ich alles schlucken müssen an Demütigungen, nur weil du nicht nachgeben konntest. Da kommt alter Groll mir hoch, und treibst du es genauso mit Gott und scheust alle Einsicht. Vielleicht kämen wir aus dem Elend wieder heraus, wenn du bußfertig wärst und damit wieder normaler Mann, mit dem ich glücklich sein könnte. Aber mein Flehen hat nichts genutzt, auch das der Freunde nicht, und deshalb, und damit du aufwachst, schütte ich dir einen Kübel eiskaltes Wasser über den Kopf, du kannst froh sein, dass es nicht Jauche ist, die nicht zur Hand war. Aber merke: du widerst mich an in deinem Selbstmitleid, das dir ins Gesicht geschrieben steht.

Hiob: Jetzt bist du zu seiner schwersten Strafe geworden. Meine Liebe zu Gott ist eine andere als die zu dir, sie steht darüber, ohne deinen Anteil zu schmälern. Aber das verstehst du nicht und ich muss es ertragen, mit einem Kummer, der mir übermenschlich erscheint. Eine solche Einsamkeit bringt mich in Versuchung sterben zu wollen. Meine Leben ist nur noch Qual, und ich bete täglich um Erlösung, versündige mich, ja, da könnte Sünde verborgen liegen, dass ich meine Geburt verfluche, durch die ich in die Welt geschleudert wurde, und die mich jetzt ausspeit wie einen des Lebens Unwürdiger. Den Aussatz habe ich noch geduldig ertragen, aber der Verlust deiner Liebe und die Abwendung der Freunde, das ist zu viel.

Frau: Soll ich jetzt Mitleid mit dir haben, da du den Weg des Leidens selbst wählst, nur um dir deinen Gottesbezug zu erhalten? Wer fragt nach meinem Glauben? Kommt es nur auf den deinigen an? Habt nur ihr Männer Gott für euch gepachtet? Und uns bleiben kümmerliche Reste und die kümmerlichen Reinheitsgebote, weiblicher Gehorsam eben, die Verbannung aus der Liebe, wenn wir bluten? Und noch mehr Verstoßung, wenn wir geboren haben? Deshalb wüte ich gegen deinen Glauben, weil er mir unmenschlich erscheint. Fast will ich mit dir den Glauben an ihn nicht mehr teilen. Ach, hol dich der Teufel! Wenn du nicht aufwachst und menschlich wirst, statt gotteshörig, sind wir geschiedene Leute. Ich habe auch ein Leben ohne dich, selbst wenn das in unserer Religion schwierig wird. Ich habe Gott sei Dank, etwas beiseitegelegt, als du Schwären kriegtest, aber noch zurechnungs- und zahlungsfähig warst. Also, wach auf, ich hole noch einen Eimer Wasser. Hiob: Jahwe, ich habe mit dir gerechtet. War an dir verzweifelt, habe dennoch deine Macht gepriesen, sie ist größer als ich wusste. Ich verneige mich vor dir in Demut, meine Selbstgerechtigkeit ist nichtig vor dir, du siehst in mein Herz und weißt, dass ich manchmal ein eitler Glaubender war, der dir zu gefallen schien, denn du hast mich mit allen nur denkbaren Gütern gesegnet. Nimm mich auf als einen Büßer, der zu stolz auf sich war, ohne von dieser Sünde zu wissen. "Darum bekenne ich, dass ich unweise geredet habe, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe." (Hiob 42, Vers 3). "Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche."(Vers 6).

Gott aus der Wolke: "Und der Herr gab Hiob zwiefältig so viel, als er gehabt hatte. ... Und er kriegte sieben Söhne und drei Töchter." (Hiob 42, Vers 10 und 13). Also muss auch die Ehe wieder in Gang gekommen sein, ohne dass die Gemahlin einen weiter Eimer kaltes Wasser brauchte.